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Guten Morgen

Du schaust in den Spiegel.

„Alles klar?“

Wasser ins Gesicht.

„Jetzt?“

Tränensäcke

„Gab es einen Grund zu weinen?“

„Ja, den gab es.“

„Hast du geweint?“

„Ja, das habe ich.“

„Gut!“

Noch einmal Wasser ins Gesicht.

Kalt.

Die Haare müssen in Form.

Nein, so nicht…irgendwie anders. Nur wie?

Ein wenig wachs wirkt Wunder.

Immernoch die Tränensäcke

Creme

Besser.

Lächeln!

Wichtig.

„Das kannst du doch besser.“

Du strengst dich an.

„Das üben wir noch!“

„Einen schönen Tag!“

 

Die Nachricht kommt. „Nur noch einen Tag zu leben.“
Dies wird also der letzte Tag sein, an dem man existiert. Man ist aufgestanden, wie an jedem Morgen, plant den Tag, verbringt ihn dann wie jeden anderen Tag auch, um am Abend von auf einer auf dem Anrufbeantworter gesprochenen Nachricht zu erfahren, dass dieser Tag sein letzter sein wird.
Was wollte man schon immer machen? Diese Frage wird in diesem Moment sehr wichtig. Die Sorgen über die Rechnungen im Briefkasten sind vergessen. Der Sport zur körperlichen Ertüchtigung wird unwichtig. Das Warten beim Amt wird auf niemals verschoben, keine Zeit. Die alltäglichen Sorgen, die einen Tag für Tag quälen, sind nebensächlich. Mit dieser Nachricht rücken die Wünsche und Träume in den Mittelpunkt. Das Leben scheint auf einmal zu beginnen.
Diese Nachricht is ein Geschenk und ein Fluch zugleich. Die Freiheit, die man dadurch erhält, wird vermischt mit dem Wissen, dass es am nächsten Tag vorbei ist.
Zukunftspläne rücken näher oder erscheinen nun unerreichbar. Man möchte den Menschen, die einem wichtig sind, noch einmal sagen, dass sie einem wichtig sind. Man will den letzten Tag mit ihnen verbringen. Man will die Welt sehen, noch einmal überall gewesen sein. Was einem sonst verrückt erscheint, muss man erlebt haben.
Die Nacht ist klar, unzählige Sterne funkeln am dunklen Himmel. Man schaut hinauf und wird sich deren Unerreichbarkeit noch bewusster als es sonst scheint.
Das Unmögliche muss auf einmal möglich sein.
Doch womit anfangen? Was nun? Noch ehe man auf diese Frage eine Antwort gefunden hat, ist der Tag vorbei. Man liegt im Bett und die Frage kommt einem, ob man alles richtig gemacht hat? Ist man zufrieden mit seinem Leben? Es kommen Erinnerungen, schöne und schreckliche.
Die Nacht vergeht und Gedanke um Gedanke kommt. Überlegungen über Fehler halten einen wach. Was hätte man vermeiden können, was kann man wieder gut machen?
Die Sonne geht auf und scheint durch den Spalt im Vorhang. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende eine Frau, die sich mit betroffener Stimme für diesen schlimmen Kinderstreich ihrer Söhne entschuldigte.