Short Story

Die Nachricht kommt. „Nur noch einen Tag zu leben.“
Dies wird also der letzte Tag sein, an dem man existiert. Man ist aufgestanden, wie an jedem Morgen, plant den Tag, verbringt ihn dann wie jeden anderen Tag auch, um am Abend von auf einer auf dem Anrufbeantworter gesprochenen Nachricht zu erfahren, dass dieser Tag sein letzter sein wird.
Was wollte man schon immer machen? Diese Frage wird in diesem Moment sehr wichtig. Die Sorgen über die Rechnungen im Briefkasten sind vergessen. Der Sport zur körperlichen Ertüchtigung wird unwichtig. Das Warten beim Amt wird auf niemals verschoben, keine Zeit. Die alltäglichen Sorgen, die einen Tag für Tag quälen, sind nebensächlich. Mit dieser Nachricht rücken die Wünsche und Träume in den Mittelpunkt. Das Leben scheint auf einmal zu beginnen.
Diese Nachricht is ein Geschenk und ein Fluch zugleich. Die Freiheit, die man dadurch erhält, wird vermischt mit dem Wissen, dass es am nächsten Tag vorbei ist.
Zukunftspläne rücken näher oder erscheinen nun unerreichbar. Man möchte den Menschen, die einem wichtig sind, noch einmal sagen, dass sie einem wichtig sind. Man will den letzten Tag mit ihnen verbringen. Man will die Welt sehen, noch einmal überall gewesen sein. Was einem sonst verrückt erscheint, muss man erlebt haben.
Die Nacht ist klar, unzählige Sterne funkeln am dunklen Himmel. Man schaut hinauf und wird sich deren Unerreichbarkeit noch bewusster als es sonst scheint.
Das Unmögliche muss auf einmal möglich sein.
Doch womit anfangen? Was nun? Noch ehe man auf diese Frage eine Antwort gefunden hat, ist der Tag vorbei. Man liegt im Bett und die Frage kommt einem, ob man alles richtig gemacht hat? Ist man zufrieden mit seinem Leben? Es kommen Erinnerungen, schöne und schreckliche.
Die Nacht vergeht und Gedanke um Gedanke kommt. Überlegungen über Fehler halten einen wach. Was hätte man vermeiden können, was kann man wieder gut machen?
Die Sonne geht auf und scheint durch den Spalt im Vorhang. Das Telefon klingelt. Am anderen Ende eine Frau, die sich mit betroffener Stimme für diesen schlimmen Kinderstreich ihrer Söhne entschuldigte.

Kaum war es zu Ende, war sie auch schon da. Diese Ameise in seinem Kopf und da ist sie bis heute.

Als er die Augen auf macht, merkt die Ameise das und beginnt sofort wieder auf sich aufmerksam zu machen. Sie krabbelt aus ihrem Nest, dass sie sich im laufe der Zeit eingerichtet hat und wandert durch seinen Kopf. Jeden einzelnen Schritt ihrer sechs Beine spürt er. Er weiss schon jetzt, als er sich im Spiegel ansieht, sie wird heut wieder den ganzen Tag in seinem Kopf umherwandern. So geht das schon die letzten Wochen.

Im Internet hat er sich informiert, wie man eine Ameise aus seinem Kopf bekommt, aber alle Methoden, die er fand halfen nicht. Die Ameise ist immernoch in seinem Kopf und wandert umher. Jegliche Versuche mal einen klaren Gedanken zu fassen, werden von dem Pochen der kleinen Beine gestört. Sie hat mittlerweile seinen Tagesablauf fest im Griff. Am schlimmsten wird es wenn er abends zu Ruhe kommt, dann wird sie noch einmal richtig aktiv. Sie scheint dann durch die Windungen zu Hüpfen und das Pochen wird zeitweise unerträglich. Müde scheint sie nie zu werden. Sie schläft immer heimlich, wenn er es geschafft hat einmal einzuschlafen. Doch lange schläft sie nicht. Schon bald wieder weckt sie ihn mit ihrem gepoche. Er wacht erschrocken auf, schaut sich um und stellt wieder einmal fest, es hat sich immernoch nichts verändert und diese Ameise ist auch immernoch da.

‚Wie alt kann wohl so eine Ameise werden? Ich hoffe für mich nicht so alt.‘ laut Lexikon werden Ameisen bis zu 6 Jahre alt. ‚Na das kann ja heiter werden!‘